Die Rote Scheune - ein Gespräch mit Architekt Thomas Kröger

Der Berliner Architekt Thomas Kröger hat sieben wundervolle Häuser in der Uckermark entworfen. Eines davon ist die Rote Scheune, ein umgestalteter Kuhstall, in dem wir neue und bewährte Modelle in Szene gesetzt haben.

INTERVIEW

"Ein Bugfenster in die Landschaft"

Es deutet wenig darauf hin, dass in Fergitz, einem Dorf am Oberuckersee, knapp hundert Kilometer nördlich von Berlin, ein Wohntraum wahr wird. Die vielgepriesene Rote Scheune sieht von der Straße betrachtet aus, wie – nun ja, welch Überraschung – eine Scheune. Rote Backsteine, kleine Fenster, ein großes Flügelholztor, viel mehr ist nicht zu sehen. Wie war das noch? War nicht von einer Umbauzeit von vier Jahren die Rede? Doch dann tritt man ein in das um 1900 erbaute Gebäude, in dem früher Kühe lebten, und ist augenblicklich verzaubert. Die Alltagssorgen und der Großstadtstress – wie aufgelöst. Man steht in einem lichtdurchfluteten, hallengleichen Raum, überall Holzbalken, oben Wohnräume, die zu schweben scheinen, und blickt durch drei große Torbögen in einen paradiesischen Garten. 

Der Berliner Architekt Thomas Kröger hat in der Provinz der Uckermark einen Ort erschaffen, der perfekt zu Freifrau passt. Wie in unseren Sesseln, Stühlen und Sofas lässt man sich fallen, fühlt sich geborgen und angeregt zu entspannten Gesprächen. Welch ein Glück, dass wir unsere neuen Modelle in der Roten Scheune inszenieren durften, die zur einen Hälfte Wohn- und zur anderen Ferienhaus ist. Einen Tag lang erkundeten wir das einzigartige Gebäude und fotografierten unter anderem Ona Curved, Leyasol und Stella. Nach Hause gekommen sind wir ein Stück entspannter, mit dem unbedingten Willen, bald wieder nach Fergitz zu fahren – und einigen Fragen an den Architekten Thomas Kröger, der unter anderem in London für Norman Forster und in Berlin für Max Dudler gearbeitet hat und seit 2001 sein eigenes Architekturbüro in der Hauptstadt betreibt.  

Thomas, wie verwandelt man ein Gebäude, das für Tiere konzipiert ist, in eines, in dem sich Menschen so wohlfühlen?

Es braucht vor allem viel Zeit! Die Herausforderung war: Wie bekommt man das große Raumvolumen in den Griff? Es ging darum, diesen riesigen Raum so umzugestalten, dass sich eine vierköpfige Familie wohl in ihm fühlt, ohne dabei seinen ursprünglichen Charme aufzugeben. Die Schönheit des Funktionsbaus Kuhstall galt es zu erhalten. Es war klar, dass wir die hölzernen Balkenkonstruktionen, die den Dachstuhl der Roten Scheune tragen, sichtbar lassen wollten. Wir haben die Gegebenheiten aufgenommen und modifiziert. Besonders deutlich wird das zum Beispiel bei den drei großen Torbögen zum Garten hin. Die Kappen gab es früher schon. Nur waren es kleine Bögen, die oben über Fenstern verliefen. Wir haben sie parabelförmig weitergeführt und zu Toren gemacht. 

Was hat Dich daran gereizt, ein altes Gemäuer neu zu beleben? Normalerweise gestaltet ein Architekt doch lieber Häuser von Anfang an selbst, oder? 

Stimmt, das ist deutlich besser kontrollierbar. Ein Umbau ist enorm aufwändig. Nicht nur zeitlich, auch vom Budget her. Es passiert immer wahnsinnig viel Unvorhergesehenes. Im Fall der Roten Scheune kam hinzu, dass schon sehr viel kaputt war. Wo Tiere untergebracht sind, nistet sich eine Menge Ungeziefer ein. Die Balken waren bis auf fünf Zentimeter eingefressen! Ich habe den Bauherren daher dringend von dem Projekt abgeraten. Sie haben aber nicht lockergelassen. Zum Glück! 

Im Inneren der Scheune wurde nahezu alles herausgerissen und neu angeordnet. Warum ist sie von außen nahezu unverändert geblieben?

Die Scheune liegt relativ zentral im Ort, die Kirche ist nicht weit. Fergitz ist sehr klein, eine bescheidene Anlage, ein idyllisch an einem See gelegenes Dorf. Ich wollte nicht, dass die neuen, aus der Metropole Berlin kommenden Bewohner, zu sehr in Erscheinung treten. Als wir fertig waren mit dem Umbau, ist eine Nachbarin zu mir gekommen, stand kopfschüttelnd vor dem Haus und fragte, was wir die vier Jahre über bloß gemacht hätten. Es sei ja gar nichts passiert. Alles sähe aus wie immer. Sie war richtig enttäuscht. Das war das größte Kompliment, das wir bekommen konnten.  

Die Rote Scheune ist nicht das einzige Haus, das Du in der Uckermark gestaltet hast, es gibt sechs weitere. Warum zieht es dich raus aufs Land?

Ich habe die Uckermark schon während meines Studiums entdeckt und fand es ziemlich toll da draußen. Ich bin mit dem Auto herumgefahren und hab im Kofferraum übernachtet. Eine Rolle spielt bestimmt, dass die Gegend mich an meine Heimat erinnert, an die Gegend zwischen Göttingen und Kassel, die Kasseler Berge. Angefangen hat alles mit einem Tischler von uns, der genug hatte von den teuren Mieten in Berlin und mich beauftragt hat, eine alte Schlosserei für ihn umzugestalten. Zwei Monate später bat mich ein Freund, der ein Dorf weiter ein Grundstück gefunden hatte, ein Haus für ihn zu bauen. Und dann kam eine Freundin auf mich zu, für die wir schon eine Wohnung in Berlin gebaut hatten, und erzählte mir, dass sie die Rote Scheune kaufen wolle. Als Erholungsort für ihre Familie. Wir haben uns mit der Nische dieser kleinen Landhausprojekte nach und nach einen Namen gemacht. Was sehr schön ist, weil sie alle sehr freundschaftlich und mit großer Freude umgesetzt wurden.  

Sind die Wohnhäuser auf dem Land eine Art Ausgleich für die Gebäude, die Du sonst noch mit Deinem Büro entwirfst – große Bürokomplexe, Galerien, Museen?

Ehrlicherweise muss man sagen, dass wir fast nur mit kleinen Privathäusern angefangen haben. Über diese Landprojekte haben wir mehr Aufmerksamkeit bekommen, aus der dann größere Aufträge hervorgegangen sind.  Wir arbeiten momentan überwiegend in anderen Maßstäben, bauen zum Beispiel ein komplettes Schulgebäude in Hamburg. 

Gibt es etwas, was alle sieben Wohnhäuser in der Uckermark verbindet?

Die einzelnen Häuser sind sehr unabhängig voneinander, stellen alle ihre eigenen Typologien dar. Sie orientieren sich auf sehr unterschiedliche Art und Weise an ihrer Umgebung, an den Nachbarschaftshäusern und der landschaftlichen Einbettung. Hinzu kommen Ergänzungen, die ich von Reisen mitgebracht habe oder die aus unserem Bilderarchiv stammen. Das Schwarze Haus, das wir etwa fünf Kilometer südlich von der Roten Scheune gebaut haben, orientiert sich zum Beispiel an den benachbarten, einfachen, giebelständigen Siedlerhäusern mit Satteldächern. Der Schornstein und die Gauben haben aber eine Verwandtschaft zu texanischen Ställen. 

Welchen Einfluss hat die weiche, hügelige Endmoränenlandschaft dieser Gegend auf Deine Entwürfe? 

Einen großen. Die Häuser sind im Prinzip nur Bugfenster in diese Landschaft. Sie öffnen sich alle zu ihr hin. 

Denkst Du die Einrichtung, die Stühle, Teppiche und Tische, eigentlich mit, wenn Du dich an einen Entwurf machst?

Ein Stück weit schon, ja. Im Grund schreibe ich immer ein Drehbuch. Ich stelle mir vor, wie meine Kunden ein Haus nutzen werden. Da spielen Möbel natürlich eine Rolle. Was wir anbieten, ist aber eher wie ein Regal zu verstehen: Wir entwerfen etwas, was eine bestimmte Form und Funktion hat, befüllt wird es dann von den Bewohnern. 

Wie in der Roten Scheune befindet sich in weiteren Deiner Häuser eine große Feuerstelle. Was fasziniert Dich daran? 

Das liegt vielleicht daran, dass die Uckermark, wie ich sie kennengelernt habe, im Winter noch richtig, richtig kalt war. Es war gerne mal minus zehn Grad. Eine Feuerstelle hat etwas wunderbar Archaisches. In der Roten Scheune erfüllt sie aber auch einen Zweck, da der große, zentrale Raum unbeheizt ist. Man kann sich in die zwei Seitentaschen setzen und sich den Rücken wärmen. Das ist schon ziemlich schön.

Mit Deinen Entwürfen hast Du schon mehrmals den Preis „Haus des Jahres“ des Callwey Verlages gewonnen. Was bedeutet Dir das?

Das freut mich sehr. Es sind ja schon immer sehr besondere Häuser, die mit diesem Preis ausgezeichnet werden.  Ich fände es toll, wenn sich durch meinen Preis mehr Menschen überlegen würden, was man zum wohnen braucht – und was nicht. Eine Bewusstwerdung, wie einfach und gleichzeitig besonders Räume durch ausgezeichnetes Handwerk sein können. 

Im Jahr 2014 hast Du den Preis mit dem „Werkhaus“ gewonnen, der umgebauten Schlosserei, mit der in der Uckermark für Dich alles anfing. In der Urteilsbegründung hieß es, Du würdest einen „selbstbewussten, aber auch kritischen Regionalismus“ pflegen. Kannst du damit etwas anfangen?

In Teilen schon. Der Regionalismus-Begriff in der Architektur ist ja schon alt und man kann sich durchaus kritisch mit ihm auseinandersetzen. Wenn man ihn so übersetzt, dass man sorgsam und respektvoll Bestehendes interpretiert und weiterentwickelt, stimme ich zu. 

Außerdem ließ die Jury wissen, dass sie Dir den Preis für das Werkhaus verliehen hätte, um ein Zeichen zu setzten: Es sei Zeit, sich vom selbstgerechten Luxusbungalow zu verabschieden und sich sinnlichen und sinnfälligen Behausungen zuzuwenden. Kannst Du das so unterschreiben? 

Ja, was meine Arbeit betrifft. Wobei man nicht jedem vorschreiben kann, dass er das genauso sieht. Es gibt andere Arten des Wohnens, die kulturell bei uns genauso verankert sind und ihre Berechtigung haben. Gleichzeitig finde ich das Einfamilienhaus per se auch schwierig. Es trägt dazu bei, dass die Landschaft zersiedelt wird. Es macht Sinn, nicht immer mehr neue Häuser zu bauen, sondern auf alte Gebäude zurückzugreifen und zu überlegen, welche alternativen Wohnformen es gibt. 

Die Rote Scheune wird viel als Ferienhaus genutzt, genauso wie das Schwarze Haus. Welche Rolle spielt das für Dich als Architekt?

Ich glaube, dass Ferienhäuser etwas lässiger als Wohnhäuser sind. Sie müssen nicht alles erfüllen. Wir tendieren dazu, bei einem Hausbau darauf zu achten, dass alle Wohnsituationen, die sich in den nächsten 50 Jahren eventuell ergeben könnten, abgedeckt sind. Das Ferienhaus geht charmanter mit dem um, was man jetzt möchte. Dieses Jetzt ist vielleicht eher auf zehn Jahre bezogen. Das finde ich gut. 

Hast Du eigentlich schon mal selbst in einem Deiner Häuser Urlaub gemacht?

Ja. Ich bin immer noch regelmäßig draußen. An den Wochenenden stecke ich meistens in einem der Häuser. Ich baue aber gerade ein eigenes. Damit ich nicht ständig bei meinen ehemaligen Auftraggebern aufkreuze.

Thomas Kröger

Thomas Kröger gründete sein Büro 2001 in Berlin im Anschluss an die Mitarbeit bei Norman Foster, London und Max Dudler, Berlin.

Seither arbeitet er und sein Team mit Bauherren im In- und Ausland. Die Projekte umfassen Privathäuser, Kunstgalerien, Museumsbauten, sowie Büro-/Wohn- und Schulhäuser. Er ist Mitglied im BDA.

Thomas Kröger unterrichtete von 2011 bis 2013 als Gastprofessor am Department of Architecture der Northeastern University of Boston im Rahmen des Berliner Studienprogramms. Anschließend hatte er eine Gastprofessur an der Hochschule für Technik in Stuttgart inne. Seit 2019 ist er Professor für Baukunst an der Kunstakademie Düsseldorf.