Freifrau zu Besuch in der Redaktion BLAU

In den ehemaligen Privaträumen Axel Springers führt Cornelius Tittel das Kunstmagazin BLAU. Gemeinsam mit der Szenenbildnerin Irina Kromayer entstaubte Tittel den Geist der Räume, fügte Neues hinzu und erhielt Altes. 

INTERVIEW

An einem kalten, aber sonnigen Dienstag im Winter treffen wir BLAU-Chefredakteur Cornelius Tittel zu einem Interview in seiner Redaktion. Die geschichtsträchtigen Räume befinden sich in einem Gebäude an der Kreuzung Ku'damm/Uhlandstraße. Die Wände sind eichenvertäfelt, die Decke stuckverziert. Es ist, als würde man sich auf eine Zeitreise begeben. 

Die Wohnung, in der „BLAU“ entsteht, ist quasi Teil des Magazin-Konzepts und man kann Cornelius Tittel, 43, nur gratulieren zu diesem Arbeitsplatz, der auch von innen so gar nichts mit den Newsrooms zu tun hat, in denen Journalisten heute oftmals sitzen. Vom Flur rechts geht es zunächst in drei salonartige Räume, in denen edel bezogene Möbelstücke aus verschiedenen Epochen stehen und zahlreiche moderne Kunstwerke, auch aus Tittels privater Sammlung, hängen. Dass hier tatsächlich gearbeitet wird, ahnt man erst danach, vor großen, mit Rechnern bekapackten Holztischen stehend. 

Von 1969 bis 1978 wohnte in diesen Räumen Axel Springer, der sagenumwobene Gründer jenes Verlages, der heute die von Cornelius Tittel geführte „BLAU“ herausgibt. Seit März 2015 produziert der ehemalige Feuilleton-Chef der WELT die exklusive Kunstzeitschrift mit seinem Team an diesem historisch bedeutsamen Ort. Zunächst erschien sie auf Deutsch, seit Kurzem auf Englisch.

Cornelius, was muss man tun, um in diesen besonderen Räumen mit diesem Ambiente zu arbeiten?

Man muss mutig sein. Als mich Matthias Döpfner, der Vorstandsvorsitzende von Springer, vor ungefähr fünf Jahren gefragt hat, ob ich die BLAU leiten wolle, habe ich gleich gesagt, dass ich dafür einen inspirierenden, ästhetischen Ort bräuchte. Und ich habe einfach gleich die Springer-Wohnung als Redaktionsraum vorgeschlagen. 

Als du die Wohnung das erste Mal betreten hast, wie sah sie da aus?

Wie eine große, nicht renovierte Wohnung. Man sah Stockflecken im Teppich und Kaffeeflecken an der Wand, es muss irgendwann eine Espressomaschine explodiert sein. Ein unwürdiges Erbe für Axel Springer, fand ich. Lange war in ihr nur ein Notfall-Server untergebracht. Falls im großen Verlagshaus was passiert wäre, ein Attentat zum Beispiel, hätte hier weitergearbeitet werden können.  

Wie wurden daraus die Räume, wie wir sie heute sehen können?

Zunächst mal im Dialog zwischen der Set-Designerin Irina Kromayer und mir. Ich bin ein fanatischer Leser von Interior-Magazinen und wusste, was gut aussehen könnte. Trotzdem habe ich mir lieber eine Sparringspartnerin dazugeholt. Irina hatte davor das Berliner Restaurant Grill Royal eingerichtet. Eigentlich kommt sie aber vom Film. Lustigerweise  hatte sie gerade an einem Film über Axel Springer gearbeitet und sich mit seinem Stil beschäftigt, als ich sie fragte, ob sie mir bei der Einrichtung helfen würde. Ohne dass ich das wusste. Wir haben uns aber nicht nur zu zweit ausgetauscht. Wir wurden zum Glück unterstützt von einigen befreundeten Künstlern. 

Wer hat sich eingebracht?

Die neue Decke in dem Kaminzimmer, in dem wir gerade sitzen, hat zum Beispiel Jirí Georg Dokoupil gestaltet. Sie besteht aus Leinwänden, auf denen er riesige Seifenblasen aus Autolacken in verschiedenen Farben platzen lassen hat. 

Was war zuerst da - der Wunsch, die Decke abzuhägen oder das Werk?

Der Wunsch. Wir sind darauf gekommen die Decke abzuhängen, weil die ursprüngliche denkmalgeschützt ist und wir doch für diesen Raum etwas anderes wollten. Grundsätzlich haben wir so viele alte Designelemente wie möglich von früher erhalten und viele Original-Möbel wie z.B. die Samtsofas in diesem Zimmer von früher restauriert. Die Wohnung sollte aber gleichzeitig auch etwas Neues erhalten, zeitgemäß sein. Und das war mit einer Decke, von der Harfe spielende Engel herabschauen, einfach nicht möglich. Kitsch aus dem Jahr 1885! Das wilhelminische Großbürgertum hat versucht, auf Schlossherr zu machen. 

Wie ist es zu den großen runden Teppichen gekommen, die in mehreren Räumen den Boden bedecken?

Die stammen von dem amerikanischen Interior-Designer Ricky Clifton. Der kam hier ein paar Tage bevor wir unser Magazin launchen wollten herein und fragte, wo denn die Teppiche seien. Ich sagte ihm, dass wir dafür kein Budget mehr hätten. Seine Antwort:  Es reicht, wenn du mir 500 Euro gibst, dann kümmere mich darum. Er ist in ein sehr günstiges Einrichtungshaus in Berlin-Kreuzberg gegangen und kam mit drei Teppichen von der Rolle zurück.  Er hat sie ausgebreitet, mit dem Teppichmesser wolkenförmig zurechtgeschnitten und mit einer Spraydose für Bordüren gesorgt. Auf einmal sahen sie aus, als wären sie von Jean Royère, dem französischen 30er-Jahre-Designer, und wären furchtbar teuer.

Die Decke ziert eine überdimensionierte Arbeit von Jiri Georg Dokoupil. Sein Vater, ein berühmter Erfinder, scheint seinen Einfallsreichtum und seine Ausdauer an seinen Sohn weitergegeben zu haben: das Motiv, das an ein Meer voller farbenreicher Quallen erinnert, entstand durch das Platzlassen von Seifenblasen, angereichert mit Autolacken. Ein jahrelanger Optimierungsprozess.

Wie viel Persönlichkeit von dir steckt jetzt in der Springer-Wohnung?

Ich selbst wohne viel schlichter – weniger Farbe, mehr Weiß und Grau. Bei mir zuhause sieht es aus wie in einem Sommerhaus, das man für den Winter fertig gemacht hat. Es ist minimalistisch. Diesen Stil haben die Springer-Räume nicht, die ganzen tiefen Farben machen die Räume ja sehr wohnlich. Uns war es von Anfang an wichtig, dass sie nicht nur Arbeitsraum ist, sondern auch für einen Empfang oder ein Dinner genutzt werden kann. 

Wurdest Du bei der Einrichtung der Wohnung, in der Du mit deiner Frau und deinen Kindern lebst, auch beraten?

Nein. Die ist das Ergebnis eines Reduzierungsprozesses. Ich habe immer mehr aussortiert und irgendwann war nur noch das da, was mir wirklich gefällt. Ich editiere ja auch im Beruf ständig. Als Chefredakteur schmeiße ich Texte aus dem Heft, die nicht in die Gesamtmischung passen. Ich überlege ständig, welche Geschichten noch fehlen und welche überflüssig sind.

Du hast mit 15 angefangen Dich für Kunst zu interessieren und beschäftigst dich nicht nur beruflich mit ihr: Du besitzt auch selbst zahlreiche Gemälde. Was fasziniert Dich so daran?

Wenn ich ein Bild von einem Künstler in der Wohnung hängen habe, den ich bewundere, gibt mir das ein gutes Gefühl. Seine Energie springt auf mich über. Ich mag den Gedanken, dass gute Kunst mein eigenes Leben überdauert. Wenn meine drei Kinder abends im Bett sind und ich auf meine Bilder blicke, kommt es mir manchmal so vor, als würden sie miteinander kommunizieren. Als Sammler erzählt man unbewusst eine Geschichte: Zwei der Künstler, deren Werke man besitzt, waren vielleicht befreundet, andere wiederum konnten sich nicht ausstehen oder haben sich gegenseitig inspiriert.

Klingt so, als wären deine Bilder für dich eine Art Fernseher-Ersatz.

Ja, total. 

Gute Kunst ist für viele eine Budget-Frage. Was hältst Du von Kunstdrucken?

Gar nichts. Es gibt wunderbare Holzschnitte, etwa von dem von mir sehr verehrten Georg Baselitz. Man kann sie teilweise für 500 oder 600 Euro kaufen. So was finde ich toll und total unterbewertet. Was anderes ist es, in einen Kunstdruckladen zu gehen und sich von einem berühmten Künstler ein nachgedrucktes Werk zu kaufen und zuhause in der Küche in einen Rahmen zu hängen. Das finde ich doof. 

Kannst Du Menschen nachvollziehen, die mit Kunst nichts anfangen können?

Na klar. Ich lebe mit so einem Menschen zusammen: meine Frau. Die interessiert sich wirklich wenig für Kunst. Dafür für ganze andere Sachen. Völlig ok. Kunst ist ja etwas, was sehr wenig notwendig ist. Es gibt keinen zwingenden Grund, sich mit ihr zu beschäftigen. 

Welchen Stellenwert haben Möbel für Dich im Vergleich zur Kunst?

Das gehört in einer Wohnung zusammen. Wenn ich auswandern und mich entscheiden müsste, würde ich aber meine Bilder mitnehmen. 

Und was, wenn nur genau ein Kunstwerk in den Koffer passt?

Dann nehme ich ein kleines, schwarz-weißes Computer Painting von Albert Oehlen mit. Das passt sogar ins Handgepäck.

 

Vielen Dank an Cornelius Tittel für das Interview, das gesamte BLAU-Team für die tolle Unterstützung und auch an den Verlag Axel Springer fürs Möglichmachen dieser Kooperation!